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WIRTSCHAFT STÄRKEN

Ein Jubiläum ist immer ein Moment, auf das Geleistete zurückzuschauen und es zu würdigen. Es ist aber gleichzeitig Anlass und Auftrag für die Bertelsmann Stiftung, nicht still zu stehen und die zukünftigen Herausforderungen für uns Menschen in unserer Welt in den Fokus zu nehmen.

Zwischen Beruf und Berufung

AUTOR: Anjoulih Pawelka
BILDNACHWEIS: Besim Mazhiqi

Es ist 7.30 Uhr, als Thomas Steidel (52) seine Welt betritt. Jenen Ort, der das geographische Zentrum seines Lebens darstellt. Wo er Tag für Tag zwölf Stunden verbringt, und häufig noch mehr, seit 23 Jahren. Wo er zuhört, lacht und schmeichelt. Steidels Welt, das sind 70 Quadratmeter Baden-Württemberg. Ein kleiner Friseursalon in Sinsheim. Einer Kleinstadt im Kraichgau, 35 000 Einwohner, bekannt für Fußball und ein Palmenparadies. Eine kleine Fußgängerzone, saubere Gehwege – Wohlstand, der bescheiden daherkommt. Guter deutscher Durchschnitt.

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Der Friseursalon

Steidel war 28 Jahre alt, als er seinen eigenen Salon eröffnete. Viel Weiß, ein bisschen Schwarz. Auf den grauen Fliesen spiegelt sich das Licht der Halogenlampen, die er gerade eingeschaltet hat. Ein Hauch von Chemie liegt noch vom Vortag in der Luft. Gleich kommt die erste Kundin. Es ist Zeit, „den Schalter umzulegen“, wie Steidel das nennt. „Schlechte Gedanken lasse ich draußen.“ Miese Stimmung zu verbreiten, das gehe „im Salon einfach nicht“. Zum Glück habe er meist gute Laune.

Die Zahnarztpraxis

Eine Viertel Autostunde entfernt, in einer kleinen Stadt nahe Heidelberg, beginnt fast zur gleichen Zeit Beate Gozdan ihren Arbeitstag. Strahlend betritt sie die Praxis. Man sieht, sie freut sich auf den Arbeitsbeginn. Beate Gozdan, mit Leib und Seele Oralchirurgin, 50 Jahre, läuft zügig den langen, hellen Gang entlang, geradewegs ins Büro. Acht Mitarbeiter versammeln sich wie jeden Morgen in lila Kitteln um den Computer. Auf dem Bildschirm flackert der Terminkalender auf. Ausgebucht mit geplanten Terminen, darunter auch geblockte Zeiten für Schmerzpatienten und Notfälle. Das ist wichtig, um Behandlungsabläufe zu optimieren, denn nur eine gut organisierte Praxis überlebt finanziell.

Was den Friseurmeister Steidel und die Zahnärztin Gozdan verbindet, ist ihre Verortung in der deutschen Gesellschaft: Beide haben ihre Wurzeln in der Mittelschicht. Nach 17 Jahren eigener Praxis lebt Gozdan in gehobenen Einkommensverhältnissen. Geprägt wurde sie jedoch durch den Fleiß und Bildungswillen ihrer Eltern. Diese kamen einst als Flüchtlinge nach Deutschland und schafften den Aufstieg in die Mitte der Gesellschaft.

Selbstständigkeit

Arbeit ist für viele Menschen ein wichtiger Bestandteil in ihrem Leben. Mehr als die Hälfte aller Deutschen würde auch bei einem großen Lottogewinn weiterarbeiten. Dabei spielt weder das Bildungsniveau noch die aktuelle finanzielle Lage eine entscheidende Rolle, wie eine Studie der Bertelsmann Stiftung und der Gesellschaft für Konsumforschung herausfand. Nur Familie und Partnerschaft ist einem Großteil der Deutschen noch wichtiger als der eigene Beruf.

Aber auch für die Soziale Marktwirtschaft spielt Arbeit eine zentrale Rolle. Das System ist darauf aufgebaut, dass so viele Menschen wie möglich einen Beruf ausüben, Steuern bezahlen, konsumieren und die Wirtschaft damit ankurbeln. Auch Selbstständige tragen einen nicht zu unterschätzenden Teil zu dem Modell der Sozialen Marktwirtschaft bei. Zwar machen sie nur knapp elf Prozent aller Beschäftigten aus, spielen aber trotzdem eine relevante wirtschaftliche Größe in der deutschen Gesellschaft. Ihre Energie und ihr Gestaltungswille sind es, die sie zu einer tragenden sozialen Gruppe machen.

Bedeutung

Unsere Protagonisten sind keine Ausnahme. Selbstständige wie Gozdan und Steidel sehen Arbeit als Sinn, Ziel und Zweck ihres Lebens. Sie scheuen sich nicht, Verantwortung zu übernehmen, für sich selbst, für Kunden und Mitarbeiter, für die Gesellschaft insgesamt. Der Friseur und die Zahnärztin sind sich in vielem ähnlich. Und trotzdem sind sie typische Beispiele für Selbstständige, die insbesondere abseits der Großstädte die Gesellschaft zusammenhalten. Der wohl gravierendste Unterschied wird erst auf dem Lohnzettel sichtbar. Doch Geld ist nicht der motivierende Faktor in ihrer täglichen Arbeit. Der Friseurmeister mag in etwa ein Durchschnittseinkommen erzielen, die Zahnärztin verdient ein Vielfaches mehr. Der Wert der Arbeit bemisst sich daran nicht unbedingt. Das Selbstverständnis fußt auf einem Ethos des Gutmachens. Er bemisst sich daran, ob man seine Aufgaben so erledigt, dass sie anderen Menschen Nutzen stiften. Mit dieser Einstellung sind Steidel und Gozdan typisch für die Gruppe der Selbstständigen. Wie der Global Entrepreneurship Report des Marketing Unternehmens Amway zeigt, sind Unabhängigkeit und Selbstverwirklichung und nicht der Verdienst die Hauptgründe für den Weg in die Selbstständigkeit.

Thomas Steidel, Fiseur
Beate Gozdan, Oralchirurgin

Arbeitseinstellung

Steidel und Gozdan haben sicherlich unterschiedliche Lebenswege. Gerade der Weg in die Selbstständigkeit zeigt, wie vielfältig selbstständige Arbeit aussehen kann. Da ist zum einen Steidel, mit seiner klassischen dreijährigen Ausbildung in einem Handwerksberuf und der späteren Gewerbegründung. Zum anderen ist da die Freiberuflerin Gozdan, die gemeinsam mit ihrem Mann die Zahnarztpraxis führt. Bis zur deren Eröffnung hat sie viel investiert – vor allem Zeit. Vom Beginn des Studiums bis zum Ende ihrer Assistenzarztzeit vergingen zehn Jahre. Völlig normal für den Beruf. Es ist also zu einem großen Teil die Einstellung zur Arbeit, die Gozdan und Steidel verbindet. Weder Steidel noch Gozdan gönnen sich Pausen. Straff durchorganisiert arbeiten sie ihr Tagespensum ab, was sie nicht daran hindert, sich zwischendurch auf ein Gespräch einzulassen.

Es gab Zeiten, da fuhr Steidel noch nachts in seinen Salon, wenn er gerade aus dem Urlaub zurückgekommen war. Um die Atmosphäre zu genießen und den Geruch einzusaugen. Mittlerweile hat er sich dieses Ritual abgewöhnt, mit Rücksicht auf seine Frau.

Arbeitsethos

Die Grenzen zur Freizeit sind fließend. Auch das ist typisch, wenn auch bei weitem nicht nur für Selbstständige. Wenn Beate Gozdan zu Hause ist, wo sie sich um die beiden Kinder kümmert, lässt sie ihr Beruf nicht los. Die Arbeitszeiten in der Praxis sind lang, Gozdan verlässt ihren Arbeitsplatz meist nicht vor 17 Uhr, ihr Mann arbeitet oft bis 21 Uhr. Auch abends am Küchentisch drehen sich die Gespräche um den Job. Da werden Dienstpläne ausgearbeitet und Fachgespräche geführt. „Ich lese Fachliteratur wie einen Krimi. Unser Beruf entwickelt sich permanent weiter. Sehr spannend.“

Geld

Geld ist Mittel, nicht Zweck. In ihrer Studentenzeit lebte Gozdan auf neun Quadratmetern. Als sie später einen Arbeitsvertrag als Assistenzärztin unterschrieb, war ihr die Stelle so wichtig, dass das Gehalt für sie sekundär war. Das Geld würde schon reichen. Heute investieren sie und ihr Mann einen großen Teil ihrer Überschüsse wieder in die Praxis. Aber klar, es bleibt einiges übrig. Ein Oberklasseauto und ein geräumiges Haus mit Pool sind drin. Im letzten Urlaub sind sie mit dem Wohnmobil durch Frankreich gefahren. Nicht gerade abgehobener Luxus.

Bei Steidel ist die materielle Ausstattung etwas bescheidener. Aber auch er kann sich ein eigenes Haus, einen Mini und gelegentlich eine Fernreise mit der Familie leisten; vor einigen Jahren waren sie in den USA. Das Geld reiche, „aber nur, wenn man sich selbst einbringt und mit voller Kraft mitarbeitet. Du musst eben jeden Monat wieder die Nummer rocken“.

Die Lebenswelten der beiden, sie ähneln sich frappierend. Dazwischen liegen keine unüberbrückbaren Dimensionen.

Glück

Was bedeutet Glück? Dass seine Familie gesund sei, sagt Steidel. „Klingt abgedroschen, ist aber wirklich so.“ Er hat erlebt, wie viel Gesundheit wert ist, als seine Tochter vor 15 Jahren an Leukämie erkrankte. Seine Frau hatte damals gerade das zweite Kind zur Welt gebracht. Ein halbes Jahr lang lebte er zwischen Krankenhaus und Salon. Es war eine harte Zeit. Was bedeutet gemessen daran schon Geld? „Der Ausflug im dicken Auto mit der Frau, die nur nervt, bringt auch nichts.“

Beate Gozdan träumt von ganz anderen Dingen: Sie würde gern in der Entwicklungshilfe arbeiten. In ein paar Jahren, wenn die Kinder mit der Schule fertig sind, könnte es soweit sein. Dann könnten sie und ihr Mann für ein paar Wochen, vielleicht auch Monate, aus der Praxis aussteigen und in Afrika oder Asien Menschen helfen, die sonst keinen Zugang zu zahnärztlicher Versorgung haben. Unentgeltlich seinen Beruf ausüben – auch das kann Luxus sein.

Bertelsmann Stiftung

Dieser Text entstand im Zuge einer Publikation der Bertelsmann Stiftung zur Sozialen Marktwirtschaft.

„Die Soziale Marktwirtschaft hat sich bis heute bewährt. Ihre Grundprinzipien sind Fundament für den Wohlstand Deutschlands. Die Soziale Marktwirtschaft steht jedoch immer wieder vor neuen Herausforderungen.“
Aart De Geus, Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann Stiftung

Doch wie gehen die Menschen mit diesen Herausforderungen um? Haben sich die Dynamik der deutschen Wirtschaft und die Lebenswirklichkeit der Menschen im Gleichklang entwickelt? Diesen Fragen gehen in dem Buch junge Journalisten nach.

WEITERFÜHRENDE INFORMATIONEN

Deutschland in Nahaufnahmen
Sozialreportagen aus dem Land der Sozialen Marktwirtschaft
Neuerscheinung
Wachstum im Wandel
Chancen und Risiken für die Zukunft der Sozialen Marktwirtschaft
Leseprobe
Wachstum im Wandel
Die Experten in Wort und Bild
Bildergalerie

Zukunft der Arbeit

AUTOR: Tanja Breukelchen
BILDNACHWEIS: Achim Multhaupt

Migranten belasten unser Sozialsystem? Von wegen! Das Gegenteil ist der Fall, wie zahlreiche erfolgreiche Start-ups beweisen – und eine aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung belegt.

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Manche Zahlen sprechen für sich: Zwischen 2005 und 2014 hat sich die Anzahl von Arbeitsplätzen, die durch selbstständige Unternehmer mit ausländischen Wurzeln geschaffen wurden, von 947.000 auf 1,3 Millionen erhöht – ein Anstieg um 36 Prozent! Gleichzeitig stieg auch die Zahl selbstständiger Unternehmer mit Migrationshintergrund von 567.000 (2005) auf 709.000 (2014) um ein Viertel an. Das zeigt eine neue Studie der Prognos AG im Auftrag der Bertelsmann Stiftung.

Was das bedeutet? Dass Migration ein Job-Motor ist. Dabei reden wir nicht von türkischen Imbissen oder Pizzerien. Im Gegenteil: Fast die Hälfte der Selbstständigen mit Zuwanderungsgeschichte (48 Prozent) ist im Dienstleistungsbereich außerhalb von Handel und Gastronomie tätig. Handel und Gastgewerbe machen nur noch 28 Prozent aus, ein Rückgang um zehn Prozent im Vergleich zu 2005. Jeder fünfte Selbstständige mit Migrationshintergrund ist in der Baubranche oder im verarbeitenden Gewerbe tätig

„Wenn ich hierher-komme, will ich auch etwas tun!“
Fadi Friek, „Kalte Schnautze“
„Freiheit ist nur mit finanzieller Unabhängigkiert möglich.“
Jasmin Taylor, JR Touristik
„Durch gute Taten kann man glücklicher werden als mit mehr Geld.“
Abdullah Altun, Altun Gleis- und Tiefbau

Diese Unternehmer  schaffen Jobs, kurbeln die Wirtschaft an und leisten einen Beitrag zur Integration – durch ihr gutes Beispiel und weil sie häufig Menschen mit Migrationshintergrund einstellen: Rund zwei Millionen Personen waren 2014 dank der unternehmerischen Tätigkeit von Menschen mit Migrationshintergrund in Arbeit.

2014
2000000

Menschen in Arbeit

Im Vergleich zu 2005 hat sich dieser gesamtwirtschaftliche Beschäftigungsbeitrag um ein Drittel erhöht. Das ist umso bemerkenswerter, da der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland in demselben Zeitraum nur um knapp neun Prozent gewachsen ist.

Was es jetzt noch braucht, um das Potenzial von Migrantenunternehmern noch besser zu fördern, ist eine bessere Verzahnung zwischen den Beratungsangeboten von Kammern, Kommunen und Privatwirtschaft.

„Bildung wirkt, das zeigt sich gerade bei Unternehmern mit ausländischen Wurzeln. Staat und Wirtschaft müssen aber noch besser zusammenarbeiten, um Migrantenunternehmern den Sprung in eine erfolgreiche Selbstständigkeit zu ermöglichen.“
Aart De Geus, Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann Stiftung

WEITERFÜHRENDE INFORMATIONEN

Migrantenunternehmen in Deutschland zwischen 2005 und 2014
Ausmaß, ökonomische Bedeutung, Einflussfaktoren und Förderung auf Ebene der Bundesländer
PDF-Download
Neue Gründer hat das Land!
Sieben gute Beispiele zur Förderung von Migrantengründern
PDF-Download
Neue Gründer hat das Land!
Migration als Chance für Gestalter und Ankunftsland
Website

Arbeitswelt 4.0

Digitalisierung, neue Beschäftigungsmodelle, unerwartete Chancen und Risiken durch den demographischen Wandel. Studien und Publikationen der Bertelsmann Stiftung greifen die Themen der Zukunft auf.

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AUTOREN: Tanja Breukelchen
ILLUSTRATION: Lennart Andresen, Cristian Wiesenfeld
BILDNACHWEIS: 3alexd / iStockphoto.com

Arbeitsmarkt – wir kommen! Jugendliche haben sich in der Publikation „Meine Arbeitswelt 2015“ Gedanken über die Arbeitswelt der Zukunft gemacht. Was erhoffen, befürchten, erwarten sie von ihrer Arbeit? Wie wollen sie arbeiten und zusammenarbeiten? In einem Workshop entwerfen sie ihr Bild von der Zukunft.

Noch konkreter wird zum gleichen Thema die Studie „Inklusives Wachstum für Deutschland“, die unter anderem nach den Auswirkungen und Wechselbeziehungen aus Globalisierung, Digitalisierung, demographischem Wandel und zunehmender sozialer Ungleichheit fragt.

Mögliches Szenario: Das Internet der Dinge hat sich aufgrund einer erstklassigen Netzinfrastruktur etabliert und die überaus erfolgreiche New Economy geht mit einem stark fragmentierten Arbeitsmarkt einher.

Außerdem interessant mit Sicht auf die Digitalisierung: die Studie „Auf dem Weg zum Arbeitsmarkt 4.0“ mit Blick auf die Auswirkungen der Digitalisierung bis zum Jahr 2030 und sechs möglichen Szenarien für den deutschen Arbeitsmarkt.

PUBLIKATIONEN

Proklamation Zukunft der Arbeit
PDF-Download
„Meine Arbeitswelt 2025″
Download PDF
Auf dem Weg zum Arbeitsmarkt 4.0
Mögliche Auswirkungen der Digitalisierung auf Arbeit und Beschäftigung in Deutschland bis 2030
Download PDF
Wachstum im Wandel
Zehn Konfliktfelder wirtschaftlichen und sozialen Wandels in Deutschland
Download PDF

Jeden Tag Gutes tun

AUTOR: Tanja Breukelchen
BILDNACHWEIS: Arne Weychardt

Mit dem Skateboard ist Iwan Budnikowsky 1912 nicht vorgefahren. Damals, kurz vor dem Ersten Weltkrieg. Als er, gerade mal 23 Jahre alt, im heute zu Hamburg gehörenden Harburg sein erstes Seifen-Geschäft eröffnete. Auch Menschen mit geringem Einkommen …

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… sollten Zugang zu Hygieneartikeln haben. Das war sein Ziel. Waschpulver und Seife für Hausmädchen und Hafenarbeiter. Und eine Geschäftsidee, die zu einem Lebensgefühl werden sollte: Budni! So nennen die Hamburger bis heute die Drogeriemarktkette, die in keinem Stadtteil der Hansestadt fehlt. Insgesamt 182 Filialen hat Budnikowsky in der Metropolregion, rund 1.900 Mitarbeiter und eine Unternehmenskultur, die bis heute auf Verantwortung setzt.

Motivation und Menschlichkeit

Und ja, Christoph Wöhlke fährt auch häufiger mit dem Fahrrad vor als mit dem Skateboard. Auf zwei Rädern ist die Tour zu den Filialen im Stadtgebiet einfach am praktischsten. Zusammen mit seiner Schwester Julia und seinem Vater Cord Wöhlke leitet er heute das Unternehmen. Vollbart. Sympathischer Typ. Einer, der weiß, wo er steht, was er will und wie er den Menschen begegnet. Anja Münch zum Beispiel. Sie leitet eine Filiale mitten in der Hamburger City. 19 Mitarbeiter, vom Azubi bis zur Rentnerin. „Es macht einfach Spaß“, sagt die quirlige junge Frau. Was typisch Budni sei? „Die Atmosphäre. Wärmer, menschlicher. Es gibt Eigenmarken, auch Naturkosmetik und Aktionen wie unsere Flüchtlingspakete – das war extrem.“

Flüchtlingshilfe

Aus einer Filiale kam der Impuls: Kunden fragten: „Kann ich hier auch etwas kaufen und direkt für die Flüchtlinge spenden?“ Und dann kamen sie: Massen von Menschen, die einkauften und Tüten für Flüchtlinge vor die Kassen stellten. Münch: „Wir hatten am Anfang noch gar keine Kisten, aber vorne stand schon die Ware. Die Kunden haben uns vertraut und gesagt: Hey, ihr macht das schon. Zuerst haben unsere Mitarbeiter die Sachen persönlich ins Erstaufnahmelager gebracht.

Budnianer helfen

Typisch Budni eben. Genau wie die Energiesparmaßnahmen in den Filialen, die Wickeltische mit Gratis-Windeln, das Bekenntnis zu „Buy Local“, Traubenzucker-Lollis gratis, ein Kundenbeirat und Aktionen, die unter anderem der Budnianer Hilfe e. V. zugutekommen. Bunte Federn sind deren Markenzeichen – „das kam, weil wir mit den Kindern früher immer nach Bad Segeberg zu den Karl-May-Festspielen gefahren sind“, erinnert sich Gabriele Wöhlke. Die Mutter von Christoph Wöhlke hat den Vorsitz der Budnianer Hilfe e. V. inzwischen vertrauensvoll in die Hände ihrer Tochter Julia gelegt, ist aber auch weiterhin im Vorstand aktiv. Die eigenen Mitarbeiter waren es, die den Verein 1997 gründeten, um vor allem Kindern und Jugendlichen zu helfen. Bis heute hat jede Filiale ein eigenes Hilfsprojekt. Die Buchstart-Taschen, die in Hamburg schon die Einjährigen bei den Vorsorgeuntersuchungen vom Kinderarzt überreicht bekommen, gehen auf die Budnianer Hilfe zurück.

„Es fängt damit an, dass man lächelt, wenn man morgens ins Büro kommt.“
Gabriele Wöhlke, Budnikowsky

Gutes tun

Jeden Tag Gutes tun – wie schafft man es, so einen Satz zu leben und diese unternehmerische Verantwortung dann auch noch an die nächste Generation weiterzugeben? „Das fängt damit an, dass man lächelt, wenn man morgens ins Büro kommt, und freundliche Worte mit den Menschen spricht. Und genau das Gleiche machen wir innerhalb der Familie auch. Da sprechen wir viel miteinander“, sagt Gabriele Wöhlke. Die Ehefrau von Cord Wöhlke, dessen Vater in den Sechzigerjahren Iwan Budnikowskys Tochter Ruth heiratete, ist ein Privatmensch, die ihre drei Kinder und ihre drei Enkelkinder genießt. Gemeinsame Essen, Feste oder Verabredungen an den Wochenenden spielen bis heute eine große Rolle. „Das Vorleben ist das Wichtigste. Aber natürlich bedeutet das auch, dass man der nächsten Generation hilft, indem man sie mit ins Boot holt. Und das früh.“ Christoph Wöhlke, der sich im Alter von sieben Jahren schon in einer Filiale sein Taschengeld aufbesserte, lacht: „Ich hab schon eine 30-jährige Berufslaufbahn hinter mir. Und das für 50 Pfennig die Stunde. Mindestlohn wäre ein Traum gewesen.“

Haltung zeigen

Dann, etwas ernster: „Sie können einem Unternehmen nicht verordnen, Gutes zu tun. Am Ende ist Gutes ja etwas Subjektives und damit für Mitarbeiter ebenso unterschiedlich wie für Kunden. Es geht darum, eine Werthaltung zu vermitteln und mit Taten zu unterlegen, um Menschen zu animieren, das im Unternehmen weiterzugeben. Das Beispiel mit den Flüchtlingen war keine Idee von uns, sondern es entstand in einer Filiale. Aber es war unsere Aufgabe, das Gute zu multiplizieren oder den guten Dingen nicht im Wege zu stehen. Das ist ja häufig das Problem, dass Dinge reglementiert werden, wo doch die Mitarbeiter häufig viel besser wissen, was gut für uns ist.“

„Es ist unsere Aufgabe, den guten Dingen nicht im Wege zu stehen.“
Christoph Wöhlke, Geschäftsführer

Tradition

Der Ur-Enkel des Firmengründers hat selber Kinder. Und lebt ihnen vor, was auch ihm schon mit in die Wiege gelegt wurde: Bescheidenheit. Bis zum Abitur hat er, so wie seine beiden Geschwister, in den Budni-Filialen gejobbt. Den Führerschein musste er sich selbst verdienen. Genau wie das erste Auto. „Ich durfte sehr früh lernen, was es heißt, für Geld zu arbeiten“, erinnert sich Christoph Wöhlke. „Als Jugendlicher hätte ich mir schon mal etwas mehr Großzügigkeit gewünscht. Am Ende weiß ich es heute zu schätzen. Klar, jeder ist froh, wenn er Geld hat und sich nicht über jede Anschaffung Sorgen machen muss. Aber das, was man mitbekommen hat, nämlich den eigenen Status nicht durch Geld zu definieren, hilft heute enorm.“ Jeans statt Anzug. Fahrrad statt Limousine. „Das passt doch nicht zusammen, wenn ich einerseits den Leuten sage, wir wollen hier gut und auf Augenhöhe miteinander arbeiten, und andererseits mit einem Porsche vorfahre. Was wir versprechen und einfordern, das müssen wir auch vorleben. Am Ende sind die Mitarbeiter zugleich unsere Kunden. Unser Verhalten hat da eine starke Signalwirkung.“

Mein gutes Beispiel

Ideen, wie Unternehmen sich für die Gesellschaft stark machen, fördert der Wettbewerb „Mein gutes Beispiel“ von Bertelsmann Stiftung und dem Verein Unternehmen für die Region e.V. Verliehen wird er für das regionale Engagement von kleinen, mittelständischen und familiengeführten Unternehmen für Mitarbeiter und das Gemeinwesen.

WEITERFÜHRENDE INFORMATIONEN

Die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen angesichts neuer Herausforderungen und Megatrends
PDF Download
Das Projekt
Creating Corporate Cultures ist ein Projekt des Kompetenzzentrums Führung und Unternehmenskultur. Es unterstützt Führungskräfte und Organisationen bei der Entwicklung einer zukunftsfähigen Unternehmenskultur.
Website
Mein Gutes Beispiel – Für Gesellschaftliches Unternehmensengagement
www.mein-gutes-beispiel.de

Bildung für die Zukunft

Mit dem Berufswahlsigel und der Medienakademie hat die Bertelsmann Stiftung zwei innovativen Projekten zu aktuellen Themen den Weg geebnet.

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BILDNACHWEIS: Archiv Bertelsmann Stiftung

Siegel berufswahl- und ausbildungsfreundliche Schule

Jugendarbeitslosigkeit vermeiden, Schulen ausbildungsfreundlicher machen, Qualität sichern – dafür stand seit 1999 das Projekt SIEGEL ausbildungsfreundliche Schule und später das SIEGEL Netzwerk der Bertelsmann Stiftung. Was als Projekt für Ostwestfalen geplant war mauserte sich zu einer bundesweit gefragten Idee: zum QualitätsSIEGEL. 2005 wurde das Bundesnetzwerk Berufswahlsiegel gegründet, das bis heute die nachhaltige Berufswahlvorbereitung an allgemeinbildenden, weiterführenden Schulen verbessert und sie untereinander und mit der örtlichen Wirtschaft vernetzt.

Akademie zur Förderung der Medientechnologie GmbH

Ebenfalls eine Antwort auf aktuelle Entwicklungen war die 1997 in Köln gegründete Akademie für Medienentwicklung GmbH zur Professionalisierung im Umgang mit den neuen Medien – von Volontärskursen bis zur Qualifizierung von Firmen in den Themen Multimedia, E-Commerce und rund um das Internet. Die „Medienakademie Köln“ besteht bis heute, inzwischen als neutrale Plattform.

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